Wohl und Wehe der Fernsehpopularität

Das war ein ganz schöner Fernsehmarathon: Drei Wochen hintereinander Weinzierl-Horsemanship im NDR-Fernsehen. Die Nachbesprechung dieser turbulenten Zeit vom ersten Drehtag bis zum letzten Sendetermin findest Du in diesem Beitrag

„Ich glotz’ TV“ (Nina Hagen)

Es ist überstanden! Die drei NDR-Sendungen sind raus und ans Licht der Öffentlichkeit getreten. Wer sie verpasst hat, kann sie in der NDR-Mediathek noch einmal nachschauen:

Teil 1: Die Zähmung

Teil 3: It´s Showtime

Bevor ich jetzt ein wenig aus dem Nähkästchen plaudere und die letzten Wochen Revue passieren lasse, möchte ich mich bei allen Menschen bedanken, die sich die Sendungen angeschaut haben. Allen voran natürlich meinen Freund/innen, die sich schützend vor mich warfen und tröstend an mich wandten, als sich ein paar Facebook-Aktivist/innen auf mich stürzten. Aber ich möchte auch all jenen Kritiker/innen danken, die sich mit seriösen Argumenten und qualifizierten Fragen gemeldet haben und denen ich angeboten habe, die Arbeit meines Teams vor Ort zu verfolgen. Diese konstruktive Kritik war für mich eine große Bereicherung, weil ich mich aufgefordert sah, über manche Themen noch einmal nachzudenken, mir die Frage zu stellen, ob es vielleicht auch doch anders geht oder auch genau zu benennen, warum ich es eben so und nicht anders mache.

Ich fühle mich nach diesen drei intensiven Wochen wie vor Jahren im Kabarett, als sich unter den Schlussapplaus auch immer ein paar Pfiffe mischten. Ich verneigte mein Haupt und bedankte mich für die Aufmerksamkeit. Und danach gab es heftige Diskussionen...

Übrigens: David Bowie wurde mal gefragt, ob es Ausdruck für ein besonders großes Ego sei, wenn man sich vor hundert, tausend oder noch mehr Leuten präsentiere. Er antwortete sinngemäß: Im Gegenteil, es sei ein Zeichen für ein ganz kleines Ego….

Ich und das Fernsehen - wie alles anfing

Im Jahr 2002 trat ein RTL-Fernsehteam an mich heran, um einen Beitrag über Pferdeflüsterer zu machen. Das Fernsehteam schaute mir also bei meiner Arbeit zu und machte anschließend einen kleinen Film daraus. Das war noch zu Zeiten meiner Tätigkeit auf ArhönA – puh, war ich da noch jung...

Danach blieb es viele Jahre ruhig, was die mediale Aufmerksamkeit betraf. Ich verließ ArhönA, um mich im Nordosten anzusiedeln und in der Weite Mecklenburg-Vorpommerns den Pferden wieder näher zu sein. 2013 war dann eine pferdebegeisterte Fernseh-Redakteurin zu Besuch auf unserem Hof. Sie schlug dem NDR einen vierminütigen Beitrag über meine Arbeit vor. Offenbar kam der Beitrag in den NDR-Redaktionsstuben gut an, denn er löste dort die Reaktion aus: “Mach doch mal etwas mehr mit dem Mann”. Der “Charly-Film”, wie wir ihn nennen, wurde als 30-Minuten-Doku geplant, und als die 30 Minuten fertig waren, hieß es aus Hamburg: “Macht mehr, wir wollen wissen, wie’s weitergeht!” Und so wurde schließlich am 12. August 2016 die einstündige NDR-Doku “Der Mann, der die Pferde versteht” gesendet. 

Die Reaktionen auf den Beitrag waren unterschiedlich, und ich erlebte meinen ersten, veritablen Shitstorm, der mir damals doch ziemlich an die Nieren ging. Ihr alle kennt das Lied: “Das erste Mal tat’s noch weh….”

Auch der NDR war wegen der Reaktionen verunsichert, erhielt die Androhung von Strafanzeigen und es gab einige Diskussionen. Zu der Zeit wurde ein Nachfolger für den verstorbenen Tamme Hanken gesucht. 

Die Auswertung der “Charly-Sendung” ergab: Egal, wann die Zuschauer/innen eingeschaltet hatten, sie blieben dran bis zum Schluss - und sei es auch nur, um sich anschließend gründlich aufregen zu können. Zum Beispiel darüber, dass das Pferd stundenlang gehetzt wurde, dass es ins Gesicht geschlagen wurde, dass die Striemen auf seinem Hintern auf keine gute Behandlung schließen ließen, und überhaupt: dass der Mann, der sich da tummle, ein Schauspieler und Schaumschläger sei... 

Dass der NDR trotzdem noch einmal auf mich zukam und mir drei weitere Folgen anbot, hat mich überrascht. Aber: “Was denken Sie, was bei Tamme Hanken nach jeder Sendung los war?”, war die Reaktion der verantwortlichen Redakteure auf meine Überraschung. Da waren die Reaktionen oft auch nicht besser gewesen, und von der Facebook-Gemeinde lässt sich der NDR nicht irritieren.

Das war der Deal

So war es mit Anne Gänsicke und Udo Tanske, den verantwortlichen Redakteur/innen ausgemacht: “Du machst einfach Deine Arbeit, wir schauen Dir dabei über die Schulter und daraus machen wir eine Doku über die tägliche Arbeit, den Unterricht für Mensch und Pferd und wir beschönigen nichts.”

Und so ist es auch gelaufen. Es sollte von Anfang an kein Film werden, von dem man dem Umgang mit Pferden lernen kann. Es sollte vielmehr eine Dokumentation über jemanden werden, der nach der Leidenschaft für Großstadt und Kultur eine neue Leidenschaft entdeckt: die Leidenschaft für Pferde und Natur. Der Film sollte zeigen, wie dieser Mensch sich durchschlägt, um zum zweiten Mal in seinem Leben seine Leidenschaft zu seinem Beruf zu machen. Und wie er damit immer wieder Anhänger/innen wie Kritiker/innen auf den Plan ruft. Eine arte-Doku über Rainer Werner Fassbinder trägt den Titel: “Ich will nicht nur, dass Ihr mich liebt”. Das hätte mir persönlich als Titel auch gefallen…

Die Dreharbeiten

Von März bis Juni 2017 drehte der NDR dann also bei mir in Neu Drefahl. Meine Aufgabe war es, einfach meinen Job zu machen und mir dabei über die Schulter schauen zu lassen. Am Anfang war es nicht einfach, zu vergessen, dass eine Kamera läuft und das Mikrofon ständig an ist - auch, wenn gerade Pause ist und man telefoniert oder auf dem Klo sitzt... Das hat zu einigen lustigen Situationen geführt. Überhaupt wurde die Atmosphäre zunehmend freundschaftlicher und vertrauter, und nicht selten ist das Filmteam länger geblieben, als es der Job verlangt hat. Dann haben wir nach Feierabend noch diskutiert und zusammen gefeiert. Schön war auch der Streifzug in meine alte Welt in Kreuzberg. Im Theater traf ich ehemalige Kollegen, die ich seit Jahren nicht gesehen hatte. Der Höhepunkt dieser intensiven Zeit war dann ohne Zweifel das Pferdefestival. Und dann war auch auf einmal Schluss.

Der Schnitt

Wir haben lange überlegt, ob wir den Cuttern zwischendurch mal über die Schulter schauen sollen, was diese uns auch erlaubt hätten. Letztendlich haben wir uns aber dagegen entschieden und stattdessen beschlossen, uns vom Ergebnis einfach überraschen zu lassen. Wir waren einfach sicher, dass die unser Leben und unsere Arbeit schon richtig verstanden hatten und sollten damit ja auch recht behalten!

Interviews im “Nordmagazin” und bei “Mein Nachmittag”

Eine Begleiterscheinung dieser für mich neuen Fernsehpopularität sind die häufigen Anfragen nach Interviews - wer A sagt, muss halt auch B sagen. Immer muss ich das nicht haben, aber hier war es ganz nett:

Die Sendungen

Mit Spannung saßen wir am 25. April für die Ausstrahlung der ersten Sendung gemeinsam mit der Trainerklasse und ein paar Freund/innen in unserer gemütlichen Sommerküche und waren, zugegebenermaßen, ein wenig enttäuscht, dass wir so vieles schon kannten. Und wie beim ersten “Charly-Film” ließen die positiven und negativen Reaktionen nicht lange auf sich warten... Es war wieder ganz schön anstrengend, die interessierten Fragen zu beantworten und auf die Kritik angemessen zu reagieren. In der Woche darauf hatten wir bei unserer zweiten Sendung ein wenig mit der Fußballkonkurrenz zu kämpfen (Real Madrid kämpfte parallel gegen die Bayern, siehe dazu unseren Sketch). Tatsächlich sind die Einschaltquoten gegenüber der ersten Sendung ein wenig gesunken, aber das machte nichts - die Begeisterung für die Koniks war groß! Einhellig am schönsten fanden wir die letzte Folge mit dem Showprogramm. Das sahen auch die Zuschauer so und die Reaktionen waren durchweg positiv.

Reaktionen - Die Zeit danach

Es steht ja im Raum, dass die Zusammenarbeit mit dem NDR fortgesetzt werden könnte, und ich wurde oft gefragt, ob ich dazu Lust hätte. Ich kann nur sagen: Mit diesen Filmleuten kann es sehr gerne weitergehen, ich habe Lust auf mehr bekommen!

Freund/innen, die mich seit langer Zeit kennen, haben mir versichert: “Du bist im Fernsehen so, wie wir Dich kennen, da ist nichts verstellt und gestellt”.

Es gab als Reaktion auf die drei Sendungen natürlich nicht nur Kritik, im Gegenteil: Viele Kund/innen freuten sich, dass ich es ins Fernsehen geschafft hatte, viele Pferdebesitzer/innen baten um Betreuung und Beratung, und natürlich stieg die Nachfrage nach meinem Unterricht enorm. Viele Menschen baten mich darum, ihre Pferde zu mir zu nehmen und natürlich gab es auch die, die uns schrieben, dass sie am liebsten alles stehen und liegen lassen würden, um zu uns in den Wald und zu den Pferden zu ziehen.

Die Facebook-Welt

Es wird ja viel darüber gemunkelt, dass die Opfer eines Shitstorms nichts zu lachen hätten und so eine Empörungswelle, wie ich sie gerade erlebt habe, eine ganze Karriere ruinieren könne. Während wir uns geduldig mit allen Beschwerden und Schmähungen auseinandersetzten, erzählte mir der “Pferdeprofi” Bernd Hackl bei einem Gespräch auf der Hansepferd Messe, dass er die ganzen Internet-Beiträge zu seiner Person einfach ignoriere und stattdessen seine Kraft auf seine Arbeit konzentriere. Auch eine Möglichkeit! Und dann ist da ja auch immer noch der Trost, dass man es schon ganz schön weit gebracht haben muss, wenn man Gegenstand solchen Interesses wird. Uns und mir hat es jedenfalls nicht geschadet. Jene Kommentare, die unter die Gürtellinie zielten, haben wir uns erlaubt zu löschen. Das brachte uns den Vorwurf der Zensur ein - auch damit können wir leben.

Pferdesprache - Menschensprache

Die wohlwollenderen Zuschauer/innen haben sich gefragt, ob der Sprachenmix, den ich bei meiner Arbeit produziere, eine Bedeutung hat, die Bescheidwisser/innen haben sich einfach nur aufgeregt über mein Kauderwelsch aus Deutsch, Englisch und Spanisch.

Auflösung: Mir war das  gar nicht so bewusst, bis ich es im Fernsehen gesehen habe. Die Erklärung für diese Angewohnheit ist ganz simpel: Weil es mir die meiste Zeit über an Geld fehlte, hab ich mir tatsächlich sehr viele meiner Kenntnisse durch die Horsemanship-Videos der ersten Stunde angeeignet - und die waren nun einmal alle auf Englisch. Und mein Aufenthalt bei Alfonso Aguilar in Mexiko sowie die Gauchos von Chile und Paraguay haben wohl auch Spuren und spanische Brocken bei mir hinterlassen...

Nicola Steiner-Blog und “React-Video”

Fachlich und gründlich auseinandergesetzt mit unseren Sendungen hat sich Nicola Steiner, die sehr aktive Horsemanship-Bloggerin. Wenn Euch ihre Meinung zu dem Projekt interessiert, findet Ihr hier die entsprechenden Links. Ihr Fazit: Uwe zeigt die Wahrheit ohne Beschönigungen.

Unsere “React-Videos” 

Auch wir haben auf die Kritik mit Videos reagiert, um uns mit dem viel kritisierten Druck nochmal auseinander zu setzen.

“Nur Zuckerbrot?”

Und hier haben wir uns einen Spass erlaubt, den wir Euch auch nicht vorenthalten wollen:

Schlusswort

Alles in allem waren der Dreh und die Ausstrahlung unserer dreiteiligen Sendung eine wertvolle und interessante Erfahrung. Wir sind aber auch froh, wenn jetzt wieder ein wenig Ruhe einkehrt und wir unsere Aufmerksamkeit und Arbeitskraft erst einmal wieder ganz unseren Kund/innen und natürlich den Pferden widmen können.

  • Termine
  • Unsere Verkaufspferde

Diese Webseite verwendet Cookies. Weitere Informationen erhalten Sie in unsererDatenschutzerklärungOK