Blondie und Blindie – oder: Horsemanship wirkt!

Blondie, mein inzwischen neunjähriger Hannoveraner Wallach, war wegen Rücken vier Jahre im Weidepraktikum. Die erste Bekanntschaft mit Stick, String und Knotenhalfter haben wir beide im Oktober 2018 beim Herbstcamp in Neu Drefahl gemacht. Danach war klar: Das will ich weitermachen! Darum lernt Blondie seit Januar 2019 nun im Wald bei Weinzierl Horsemanship. Ich natürlich auch. Blöd: Seit einem Sturz bin ich ganz schön nervös auf meinem Pferd. Dagegen helfen nur Wochenendbesuche, Wintercamp, das jüngste Minicamp Reiten und Ausreiten – und das großartige Trainerinnenteam!

Schwein gehabt!

Minicamp Reiten und Ausreiten, Abendausritt: Blondie guckt sich interessiert die Landschaft an, ich sehe hinter jedem Baum und Strauch Gespenster. Weiter vorn entdeckt Conny im Wald eine große Herde Damwild. Oh nein, denke ich, wenn die losrennen, rennt Blondie bestimmt auch los. Bisher geht aber nur mir die Phantasie durch. Conny bemerkt meine Anspannung und bekämpft humorvoll mein Kopfkino mit noch mehr Kopfkino: „Denk einfach an was Schönes – zum Beispiel Wildschweine!“ Aufs Stichwort flitzt eine Rotte fetter Viecher ein paar hundert Meter vor uns über den Weg: eins, zwei, drei! Jetzt schon zehn! Nein, bestimmt zwanzig – oder doch dreißig?! Erst sind wir perplex, dann müssen wir herzlich lachen und ich denke endlich wieder daran, normal zu atmen.

Blindes Vertrauen

Dennoch: Meine Nervosität beim Reiten frustriert mich ganz ordentlich. An Blondie liegt es nicht – er bleibt cool, auch wenn ich schnappatme. Gern möchte ich meinem Blondie mehr vertrauen können, berichte ich bei der Feedbackrunde nach dem Abendessen. Das bringt Tine auf eine Idee: „Ich würde dir gern auf dem Pferd mal die Augen verbinden.“ Haha, sehr witzig! Tine meint es jedoch ganz ernst. Ist doch Wahnsinn! Allerdings: Wahnsinn ist es auch, wenn man immer wieder das Gleiche tut, aber andere Resultate erwartet. Ganz gleich, ob der Spruch nun wirklich von Albert Einstein stammt oder nicht – er stimmt. Also abgemacht. Meine Camp-Gruppe unterstützt den Plan humorvoll: „Dann seid ihr Blondie und Blindie!“

An der Longe unternehme ich erst einmal sehenden Auges eine Zeitreise in die Anfänge meines Reitunterrichts: Hände vom Sattel, Arme gegengleich wie eine Windmühle kreisen, Oberkörper auf den Hals legen, dann nach hinten lehnen, rechte Hand an linke Fußspitze und umgekehrt. Erste Erkenntnis: Beweglicher bin ich im Laufe der Jahre nicht geworden. Zweite Erkenntnis: Blondie irritiert mein Gefuhrwerke auf seinem Rücken nicht die Bohne. Dritte Erkenntnis: Wenn ich versuche, den linken Arm nach vorn und den rechten nach hinten zu drehen, habe ich absolut keine Hirnkapazität mehr für Kopfkino frei – weder in der linken noch in der rechten Gehirnhälfte. Dafür sitze ich viel entspannter im Sattel. Gute Voraussetzungen um zu erspüren, wann Blondie mit welchem Hinterbein abfußt. Entscheidender Tipp: Senkt sich meine linke Hüfte ein bisschen nach unten, schwingt Blondie sein Hinterbein auf dieser Seite nach vorn. Und umgekehrt. Nach ein paar Fehlversuchen habe ich das Gefühl raus. 

Jetzt wird es ernst: Conny wickelt mir ein bisschen gelbe Flauschbandage um die Augen und sehr viel gelbe Flauschbandage um den Helm (die Bandage ist laaaang). Und wieder geht’s ans Bewegen und Erspüren. Leider werde ich nach ein paar Runden seekrank und wir beenden die Übung. Ich habe jedoch Blut geleckt und lasse mir am nächsten Tag bei Tine gleich noch mal die Augen verbinden. Und siehe da – es geht schon viel besser. Die Erfahrung, dass ich mich auf Blondie blind verlassen kann, tut mir unendlich gut. Beim abendlichen Ausritt beschäftige ich mein Hirn außerdem damit, Blondies Hinterbeine zu sortieren und meine Arme in verschiedene Richtungen kreisen zu lassen. Und fühle mich im Sattel schon viel besser. 

Vier Phasen der freundlichen Bestimmtheit und eine Zwiebel

Nicht nur bei Pferden, auch bei mir sitzt die sensible Zone zwischen den Ohren. Anders als bei Pferden darf man meine sensible Zone (alias Kopfkino-Hirn) jedoch sehr wohl mit ein bisschen Druck bearbeiten. Moirin, Conny und Tine haben das klar erkannt. Auf Stick und String verzichten sie zwar, setzen aber erfolgreich auf die vier Phasen der freundlichen Bestimmtheit. Meistens reicht (zumindest nach meinem Gefühl) Phase zwei der freundlichen Bestimmtheit, um mich zur Mitarbeit zu motivieren. Manchmal müssen sie Stufe Drei zünden. Und sie haben Recht – jedes verdammte Mal! So bremst ihre klare Haltung „Doch, das traue ich dir zu, trau es dir auch zu und probiere es einmal!“ meinen Oppositionsreflex aus. 

Die drei stellen mir also Schritt für Schritt immer neue Aufgaben: Sie setzen mich erst einmal mit Begleitschutz vom Boden aufs Pferd, nehmen mich abwechselnd auf dem Pad oder im Sattel und Blondie als Handpferd mit in den Wald, schicken mich mit Blondie ins Passenger Game, auf die Autobahn und ins Kundschafterspiel, kürzen freundlich-bestimmt meine Steigbügel und lassen mich auf dem Platz und im Wald selbstständig traben. Und immer wieder trainiere ich Bremse und Lenkung – vom Boden und vom Pferd aus. Moirin rät mir außerdem, meine zu Schreckensstarre neigenden Arme und Beine regelmäßig zu bewegen, Conny empfiehlt herzhaftes Singen gegen Luftanhalten (die Konsequenzen müssen sie und die Camp-Gruppe umgehend ertragen), Tine ermutigt mich, mir für meine Wünsche ans Reiten in ein handfestes Symbol zu suchen und mit aufs Pferd zu nehmen. Es wird – eine Zwiebel. Schön geerdet und bodenständig soll sie das Flattern im Kopf verhindern. 

Alles zusammen zeigt Wirkung. Beim großen Minicamp-Abschiedsritt bummele ich auf Blondie entspannt durch die Ruhner Berge und endlich, endlich kommt es wieder – das Gefühl: Jaaaa, ausreiten ist doch das Größte! 

Eine Runde Sonne

Zum Abschluss meiner Ausbildungswoche darf ich dieses Gefühl gleich noch einmal auskosten. Nach der letzten Reitstunde schickt mich Moirin auf die Sonnenrunde. Die kenne ich gut und bin schon öfter mit meinen Camp-Gruppen im Abendlicht am Waldrand langgeritten. Aber ganz allein? Moirin hat keine Zweifel. „Am besten kommunizierst du ganz viel mit Blondie. Und du weißt: Wenn Blondie nicht mehr weich reagiert und es dir unheimlich wird, abspringen!“, gibt sie mir mit auf den Weg. Also reite ich singend im Slalom um die Bäume, übe One Rein Stops nach links und rechts, mache den neutralen Zügel zum indirekten und den indirekten Zügel zum direkten Zügel und trabe immer wieder mit schönem Schwung geradeaus. Irgendwann stelle ich fest: Ich singe nicht mehr gegen die Angst, sondern aus purer Freude. Blondie bleibt noch bis Anfang Mai in Neu Drehfahl und lernt weiter. Ostern besuche ich ihn wieder. Und nehme mir fest vor: Dann auch hoppi galoppi!

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