Gut geführt ist halb geritten

Nicht nur zur Weihnachtszeit, aber da besonders wichtig und richtig: Die Arbeit mit der Doppellonge fördert, so wie wir sie verstehen, die Selbstständigkeit Deines Pferdes, gibt Dir Sicherheit und Vertrauen zu Deinem Pferd und neben dem Spaß, den man dabei hat, trägt diese Form der Beschäftigung zur mentalen und körperlichen Fitness bei. Wenn Du so mit Deinem Pferd durch den Schnee stapfst, wird Dir bestimmt nicht kalt.

Wir wollen nichts anderes: Nach einem stressigen Tag, nach den üblichen Frustrationen in der Menschenwelt oder an einem endlich freien Wochenende, an dem kein Verwandtenbesuch oder anderer Quatsch droht: Rauf aufs Pferd und raus in die Natur. Und dann loslassen, entspannen, Spaß haben. Mal ehrlich: wie oft klappt das nicht, macht uns unser Pferd einen dicken Strich durch die Rechnung?

 

“Prior and proper preparation” propagiert Pat Parelli, der gerne mit den “P” in seinen Namen spielt. Auf Deutsch heißt das: richtige und rechtzeitige Vorbereitung. 

 

Herdenfamilie

Bevor wir zur Praxis  kommen, ein bisschen Theorie und in unserem Fall heißt das: ein bisschen Natur. Denn von ihr leiten sich unsere theoretischen Überlegungen ab.

Die Herdenstruktur lebt von klaren Regeln: Wenn die Herde zieht, geht die Leitstute voran. Sie hat die meiste Erfahrung und kennt vor allem die besten Futter- und Wasserstellen – und der Rest der Herde folgt. Als Big-Mama erzieht sie die Fohlen, sucht geschützte Stellen bei miesem Wetter und weiß, was bei Gefahr zu tun ist. Der Leit-Hengst geht meist ganz hinten, um die Herde zu beschützen. Beide sorgen gut für ihre Herdenfamilie. Dazwischen reihen sich die anderen Pferde entsprechend ihrer Position in der Rangfolge. Was nach Unterdrückung und hierarchischem Getue aussieht, ist für die Vierbeiner vor allem eine Sicherheit bietende Struktur in der bösen Wildnis.

 

Könnte also alles easy sein, wenn wir Leitstute wären. Es gibt da aber mindestens ein Problem: Wenn ein Pferd geritten wird, dann sitzt das Alpha-Tier (das sollten möglichst wir sein…) auf seinem Rücken oder man könnte auch sagen – ihm im Genick! Verständlicherweise ist das ein ganz unschönes Gefühl für ein Fluchttier, wenn ihm ein ‚Fleischfresser‘, also ein ‚Raubtier‘, im Nacken sitzt. Die Probleme sind vorprogrammiert. Und es kann leider auch gefährlich werden. 

 

Muss es aber nicht! Wir sorgen vor, indem wir die Position der Leit-Stute bzw. des Alphatiers auf dem Rücken des Pferdes entsprechend vorbereiten: 

 

  • Durch das seitliche Führen 
  • das Führen von hinten und 
  • den ‚Marketendersattel‘
    (als Vorbereitung auf das ‚Führen von oben‘)

 

Spaziergänge im landläufigen Sinne, bei denen Du voraus gehst und das Pferd hinter Dir her trottet, sind zwar nett und entspannt, bringen aber wenig in Sachen Selbstständigkeit Deines Pferdes. In der Herde reagieren Pferde auf jedes Signal der Leit-Stute, egal, aus welcher Richtung. Das sollte auch unser Ziel sein. 

 

Kleiner Test zum Selbstständigkeits-Level Deines Pferdes? Probiere einfach mal die drei Führpositionen (vor dem Pferd, seitlich und hinter dem Pferd) am Hänger aus: Verladefromm hieße, Dein Pferd geht entspannt auf die Rampe und in den Hänger, egal, ob Du voraus gehst, neben der Rampe stehen bleibst oder es von hinten mit zwei Leinen in den Hänger führst!  Klappt das? 

 

Erster Schritt: Seitliches Führen

Sieht aus wie Longieren, ist es aber nicht. Es ist ein Kreis-Spiel. Meine Seilhand führt und meine Stickhand - wenn nötig - treibt. Wenn das klappt, beginne ich, mich seitlich mit meinem Pferd mitzubewegen. So lernt es schon mal, auf die Führung von vorn, die in der Natur von der Leitstute übernommen wird, verzichten zu können. Wenn das klappt, wollen wir nun kleine Herausforderungen auf dem Platz einbauen: 

 

Führe Dein Pferd in der seitlichen Position durch einen Engpass zwischen Reitplatz-Bande und beispielsweise einer Tonne.

Lass es über Stangen am Boden gehen, anhalten und wieder rückwärts treten.

Führe Dein Pferd an einem anderen Pferd vorbei. 

Gehe mit Deinem Pferd Slalom um Hindernisse wie Pylonen. 

 

Und das alles, indem Du immer seitlich führst.

Dir fallen sicher weitere Übungen ein, die alle nur den einen Zweck haben: Deinem Pferd eine Idee von Selbstständigkeit und -sicherheit zu geben sowie die feine Kommunikation mit ihm zu verbessern. 

 

 

 

Führen von hinten oder die Doppellongen-Arbeit…

… ist gleich reiten, aber ohne die  damit verbundenen Risiken. Wenn Du wissen willst, ob Dein Pferd bereit ist, sich von oben führen zu lassen, im Gelände oder auf dem Platz, allein oder mit anderen, prüfe es aus der hinteren Führposition. Das weiß auch jeder Kutschfahrer. Du erinnerst Dich: Vertrauen und Respekt bekommt man am Boden – oder gar nicht!

Also, ran an die Doppellonge! Die Arbeit mit dem langen Zügel macht richtig Spaß. 

 

Das kannst Du ganz einfach mit zwei Horsemanship-Führseilen machen, die Du beide unterhalb des Diamantknotens am Halfter befestigst. Wenn Dein Pferd nicht auf Deine Signale hört, lässt Du das äußere Seil einfach los, drehst mit dem anderen den Kopf Deines Pferdes zu Dir und fängst in Ruhe von vorne an. 

Du weißt: Niemals an beiden Leinen ziehen, Du lehrst Dein Pferd damit nur, wie stark es und wie schwach Du bist! Halte die Leinen locker, aber nicht so locker, dass Dein Pferd mit den Vorderbeinen drauftritt (wenn es mal passiert, ist das auch kein Weltuntergang!).

 

Du kannst auch einen Voltigiergurt benutzen und die Führseile durch die Haltegriffe oder Ösen leiten oder auch zu diesem Zweck die Steigbügel Deines Sattels benutzen. Funktionieren „Gas, Bremse und Lenkung“, dann ist es Zeit, aus Deinem PKW einen Sattelschlepper zu machen:

 

Der Marketendersattel

Da standen Amazon & Onlinekauf noch in den Sternen: Im Bertold-Brecht-Stück „Mutter Courage und ihre Kinder“ begleitet die Titelheldin im Dreißigjährigen Krieg die Soldaten als Marketenderin. Sie zieht einen schweren, mit allen nötigen Dingen beladenen und behangenen Wagen hinter sich her und verkauft die Waren nach Bedarf. Das hat die Idee zu meinem ‚Marketendersattel‘ reifen lassen…

 

Reiten heißt ja unter anderem: Dem Pferd Gewicht und Geräusche auf seinem Rücken zumuten und das bereiten wir so vor:

 

In einer sicheren Umzäunung nehmen wir einen robusten Sattel, am besten mit vielen Ösen und Schlaufen, und befestigen an ihm nach und nach alle möglichen und unmöglichen Dinge, wie Plastiktüten, Regenjacken, Töpfe, Wasserkanister und Autoreifen etc. So bringen wir Geräusche und Gewicht aufs Pferd, ohne uns selbst zu gefährden – die ideale Reit-Vorbereitung. Aus der hinteren Führposition üben wir nun mit dem Pferd am oben beschriebenen Engpass, den Pylonen und Stangen auf dem Platz. Du wirst staunen, wie gelassen Dein Pferd nach einigen Übungseinheiten sein wird! 

Und wenn es in der Umzäunung mehrmals gut und sicher geklappt hat: Ab ins Gelände!

Nicht vergessen: Jedes Mal, wenn Du Dein Pferd seitlich oder von hinten führst, oder es mit dem Marketendersattel trainiert, stärkst Du seine Selbstständigkeit und bereitest es sicher auf seine Existenz als Reitpferd – auf unser ‚Führen von oben‘ – vor. 

 

Pluvinel überlassen wir diesmal das Schlusswort: „Dabei muss man Acht geben, ihm nicht den Arbeitseifer zu nehmen und seine Gutwilligkeit zu ersticken, denn die Anmut eines jungen Pferdes ist wie der Duft einer Blüte, der, einmal verflogen, nie wiederkehrt!“