Unabhängiges Reiten in der Gruppe

Es ist wie immer: Drei, fünf oder zehn Leute machen sich zu einem Ausritt fertig und die Ausrittregeln werden besprochen: Man warnt sich gegenseitig vor herabhängenden Ästen und herannahenden Personen, es darf nicht überholt und vor allem nicht zu dicht aufgeritten werden, weil das eine oder andere Pferd tritt oder sich bei so viel Nähe zum Artgenossen nicht mehr korrigieren lässt. Wenn einer seine Gerte oder seinen Handschuh verliert, muss die ganze Gruppe warten. Dann die Reihenfolge festlegen: Dieses Pferd kann nur ganz vorne gehen und ein weiteres läuft nur entspannt neben seinem besten Freund. Darauf ist Rücksicht zu nehmen!

Gangartenwechsel werden angesagt und es herrscht ein allgemeines Überholverbot.

Das ist der Alltag, der schauerliche Alltag, willst Du ewig so weiterreiten? 

 

Wie haben das eigentlich die Cowboys gemacht? Haben Rinder getrieben, versprengte Tiere eingefangen, sind da und dorthin geritten – und das ganz unabhängig von ihren Mitreitern! Geht ja eigentlich gar nicht, oder?!

 

Jahrelang habe ich das Gegenteil von ‚Cowboy‘ gemacht und Touristen durch die Rhön geführt. Und sie waren tatsächlich nicht mehr als Güterwaggons, die an eine Lokomotive angehängt sind. Die Lokomotive war ich! Ich habe vorne den Gangartwechsel angesagt, alle Pferde kannten die Befehle und haben darauf gehört – und die Touristen sind mitgehoppelt. Reiten war das nicht. Diese Ausritte funktionieren, so lange sie einem bestimmten Muster gehorchen. Im Einklang mit seinem Herdeninstinkt verschafft das dem Pferd Sicherheit. Wenn es allerdings einen eigenständigen Job erledigen soll, dann ist es meist überfordert und schüchtert mit seinem unsicheren Verhalten den Reiter gründlich ein.

 

Wer nun gerne jederzeit mit seinem Pferd einen eigenen Weg einschlagen möchte, wer gerne eine Abkürzung nehmen möchte, wer zurück reiten möchte, weil er was verloren hat, kurzum, wer unabhängig von der Gruppe Richtung und Geschwindigkeit seines Pferdes bestimmen will, der sollte dies rechtzeitig und im geschützten Rahmen mit ein paar Gleichgesinnten vorbereiten. Es gibt einige ganz einfache Übungen, die die Unabhängigkeit fördern. 

 

Ich setze jetzt mal voraus, dass Dir klar ist, dass aller Erfolg am Boden beginnt, dass Du mit Deinem Pferd die Bodenarbeit gemacht hast und machst, dass Du das Notfall abspringen wie die Notbremse beherrschst und Du auch schon die Doppellongenübungen, also das Führen von hinten, auf dem Platz und im Gelände gemacht hast.

Der geschützte Rahmen sollte erstmal die Halle, die Reitbahn oder eine eingezäunte Wiese sein, bevor das Gelernte im freien Gelände überprüft wird. Die Gruppe reitet in einer Abteilung und etwa alle 20 Meter macht der erste Reiter kehrt, reitet nah an der Gruppe vorbei und wird zum Letzten. Sind alle einmal an der Gruppe nach hinten geritten, dann trabt der letzte Reiter an und reitet rechts oder links an der Gruppe nach vorne.

Wenn das gut funktioniert, dann folgt das ‚Durchschlängeln‘: Der Abstand zum Vordermann wird vergrößert und der jeweils vordere Reiter wendet und reitet Slalom durch die folgenden Pferde, bis er an letzter Stelle angelangt ist. Schön auch: Der letzte Reiter bleibt mit seinem Pferd stehen, lässt die Gruppe weiter reiten bis sie von hinten aufschließt und er an erster Stelle die Gruppe anführt. Danach reitet die Gruppe beispielsweise auf einem großen Zirkel und auf Kommando gehen alle Pferde mit ihren Nasen nach innen Richtung Mittelpunkt und halten dort an. Dann schert ein Reiter nach dem andern aus und umreitet einzeln die Gruppe ein bis zweimal in der Gangart, die er sich  und seinem Pferd zutraut.

 

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt - und das Üben macht meist richtig Spaß! Nach und nach könnt ihr das dann auch im Trab und im Galopp machen.

 

Wenn Dein Pferd ganz und gar unsicher wird, weil die anderen Reiter sich entfernen und Du Angst hast, die Kontrolle zu verlieren, dann denke daran, richtig und rechtzeitig abzusteigen und mit Deinem Pferd auf dem Boden die Respekt-Übungen (Hinterhand seitwärts verschieben) zu machen, damit die Harmonie auf der Basis von Vertrauen und Respekt wieder hergestellt wird. 

Dann könnt ihr zusammen durch dick und dünn gehen – und nicht nur durch dick und doof! (viele Grüße an Herrn Lindenberg )

 

P.S. Man kann das ganze Thema natürlich auch von der heiteren Seite betrachten und weil wir ja alle immer zu wenig zu lachen haben, hier ein paar Zeilen zum Schmunzeln: 10 goldene Regeln für das Reiten im Gelände

 

Uwe Weinzierl

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Gideon (Samstag, 28 Januar 2017 17:12)

    Hey Uwe,

    sehr schöner Artikel!
    Unabhängiges Reiten schien mir eigentlich eher selbstverständlich zu sein. Ich merke aber immer wieder, dass die Leute selbst wenn ihre Pferde kein Problem damit haben, sie unabhängiges Reiten trotzdem Schwierigkeiten bereiten.

    Da ich übrigens auch ein paar Jahre lang Touris auf Reittouren begleitet habe, kann ich dir da gut nachemfpinden ;)

    Ich überlege jetzt auch gezielt Ausritte zum Erlernen unabhängigen Reitens anzubieten :) Vielen Dank für die Inspiration!

    Viele Grüße
    Gideon

  • #2

    Elisabeth (Mittwoch, 15 Februar 2017 12:06)

    Ich finde, ehrlich gesagt, diese Tips wenig hilfreich. Wenn nicht eine ganz saubere Bodenarbeit gemacht wird, und ganz sauber, gefühlvoll und konsequent geritten wird, sind diese Übungen wenig hilfreich. Man wird dann schnell grob und ungerecht, weil im Stress mit der Gruppe. Im Prinzip sprichst du das ja an, aber es wird doch in den Hintergrund gedrängt. Und ganz saubere Bodenarbeit und ganz sauberes einfaches ist schon super schwierig. Wenn man das wirklich beherrscht, dann brauch man diese Übungstips auch nicht mehr.

    Ich würde mir genau da mehr Erklärungen wünschen, beim Zusammenhang zwischen dem Herdenzwang, meiner Führungsqualität und den Problemen beim Ausreiten in der Gruppe. Welche Übungen in welchen Situationen können mir helfen mein Pferd auf mich hören und vertrauen zu lassen? Wie hängt das alles zusammen? Das sind doch grundlegende Themen, die ein ganzes Reiterleben ausmachen können.

    Du sprichst das hier so salopp an, ich wundere mich.