Reiten ohne Sattel

Die Indianer taten es und es sah einfach toll aus: Mit dem Pferderücken verschmolzen flogen sie in gestrecktem Galopp über die Prärie und erledigten nebenbei ein paar Siedler. Und das Gute siegte immer. Zumindest in den Western. Inzwischen wissen wir, dass das Gute meist nicht zum Zuge kommt.

 

Aber Reiten ohne Sattel ist für mich immer noch der Inbegriff von Verbundenheit mit dem Pferd, von grenzenloser Freiheit – und von einem perfekten Sitz. Klischees bis zum Abwinken!! Schon, aber: Nach 20 Jahren Erfahrung als Pferdetrainer kann ich nur sagen: Tu's  einfach!

 

Reiten ist die harmonische Bewegung zweier Körper- das ist beim Tanzen und beim Sex nicht anders.

Reite ohne Sattel!

Ohne Steigbügel und Sattelknauf entsteht ein ausbalancierter, unabhängiger Sitz nach einiger Zeit von ganz alleine. Wer braucht da noch endlose Sitzschulungen? Und: Intensiver kannst Du die Bewegungen Deines Pferdes nicht spüren, Du bist geradezu gezwungen, Dich mehr und mehr geschmeidig seinen Bewegungen anzupassen. Spätestens  Dein wunder Hintern wird Dich das lehren.

 

Das Pferd muss sich also  nicht unter einem schlecht sitzenden Sattel und Reiter  quälen, sondern hat einen Partner, der im eigenen Interesse seinen Sitz schleunigst verbessern wird.

 

Gut ist, wenn Du parallel zum Reiten ohne Sattel, quasi als ‚Schleudersitz‘, das leichte und sichere Notfall-Abspringen übst. Das sollte Dir in Fleisch und Blut übergehen, so dass Du Dich in unsicheren oder gefährlichen Situationen locker aus der Gefahrenzone entfernen kannst und auf Deinen Füßen landest.

 

Die versicherungsrechtliche Seite ist hier übrigens keine Grauzone mehr: Mittlerweile ist ein Unfall beim Reiten ohne Sattel bei den meisten Anbietern abgedeckt. (Siehe Extra-Kasten unten)

Ja, ein Pferderücken ist empfindlich.

Da reichen ja die Meinungen bis hin zu „ein Pferd sollte man gar nicht reiten“. Und ja, ohne Sattel wird das Gewicht weniger gleichmäßig auf dessen Rücken verteilt, als bei einem gut sitzenden (!) Sattel. Beim Reiten ohne Sattel kann daher ein Reitkissen ein akzeptabler Kompromiss für Pferd und Reiter sein:

 

Das Bareback Pad, also eine gepolsterte Sitzunterlage mit Gurt, ist da die beste Alternative. Mehr Halt, und kein Schweiß. Der Markt ist groß und die Angebote reichen von „geht gar nicht“ bis hin zu „ja, da hat sich jemand was bei gedacht“. Die Produkte von Parelli, Brockkamp und Honza Blaha kann ich empfehlen, weil ich sie selbst getestet habe und täglich benutze.

 

Bareback Pads gibt’s auch mit Steigbügeln, davon rate ich dringend ab! Diese Dinger sind ein Sicherheitsrisiko!

 

Für das anfängliche Sicherheitsbedürfnis reicht meines Erachtens ein einfacher Voltigiergurt, den man dann bald auch wieder weglassen sollte. Viele Reitkissen haben auch einen Griff, der aber meist nicht ganz so viel Halt bietet, wie der des Voltigiergurtes. Aber natürlich gilt: Solange Du Dein Fahrrad nur mit Stützrädern fahren kannst, bist Du noch auf der Suche nach dem Gleichgewicht. Das Gleiche gilt für Reiten mit Haltegriff und Steigbügel.

Wie geht’s?

Egal, ob Reitkissen oder ganz ohne – aller Anfang ist wacklig. Am leichtesten überwindest Du das anfängliche Gehoppel, indem Du Deinen Oberkörper nach hinten fallen lässt und Dich an der Mähne des Pferdes oder am Griff des Bareback Pads festhältst, damit Du nicht ganz nach hinten wegkippst. So kannst Du die Auf- und Ab-Bewegung des Pferderückens gut spüren. Die richtige Beckenbewegung entsteht in dieser Haltung von selbst. Nach und nach richtest Du Dich aus diesem unmöglichen Sitz wieder in eine aufrechte Position auf und machst die Bewegungen aktiv, die Dir Dein Pferd in Deiner anfänglichen Schräglage beigebracht hat.

 

Die Beine sollten lang hängen bzw. leicht am Pferdebauch anliegen – ohne Knieklammer oder klopfende Hacken! Wenn Du anfängst, Dich zu verkrampfen, schalte einen oder zwei Gänge zurück: Durchatmen und wieder im Schritt starten. Glatte Reithosen sind übrigens oft recht rutschig auf den Reitkissen. Eine Jeans hat etwas mehr Haftung. Mit zunehmend unabhängigem Sitz ist Dir das aber wahrscheinlich völlig egal.

 

Meine eigene Erfahrung: Als jemand, der zum ersten Mal mit 33 Jahren auf einem Pferd sass und sich ohne Sattel niemals mehr vorstellen konnte, als im Schritt zur Weide zu reiten, bis ihm durch Parelli's Horsemanship die Augen geöffnet wurde, kann ich nur wiederholen: Reiten lernt man nicht von Reitlehrern, sondern durch Reiten! Und das am besten und schnellsten ohne Sattel. 20 Jahre im Reittourismus haben mich gelehrt, dass man die Dinge einfach halten und aufs Wesentliche reduzieren kann und dass diese Einstellung das Beste für den Freizeitreiter und sein Pferd ist. (Wie wir mit den Bedenken und dem Spott der selbsternannten Pferdefachleute umgehen, folgt demnächst in diesem Theater.)

 

Bald merkst Du, dass Reiten, Tanz und Sex das Folgende gemeinsam haben: Wenn beide Körper aufeinander hören, bereit sind, aufeinander einzugehen und sich ein harmonischer Wechsel von Führen und Fühlen abspielt, ist es ein Genuss.

 

Wenn das nicht der Fall ist, wird das Spiel zu einer schmerzlichen Qual für beide Seiten.

Das Für und Wider

Pro:

  • Du lernst im Gleichgewicht zu sitzen, ohne Dich am Zügel oder im Steigbügel auszubalancieren.
  • Du kannst das überlebenswichtige Notfall-Absteigen sicherer und leichter üben.
  • Wenn Du mal unfreiwillig absteigst, bleibst Du wenigstens nicht auch noch in den Steigbügeln hängen.
  • Du vermeidest Selbstüberschätzung und reitest nur so schnell, wie Du es auch kannst.
  • Satteldruck durch einen schlecht sitzenden Sattel ist ausgeschlossen.

 

Kontra:

  • Es kann punktueller Druck auf den Pferderücken entstehen.
  • Der Reiter „plumpst“ dem Pferd in den Rücken.
  • Man fällt leichter runter.

 

Die Vorteile überwiegen deutlich!

 

Fazit

Ein gut sitzender Sattel erhöht die Bequemlichkeit für Pferd und Reiter. Wie die Sporen (siehe Horst Stern) sollte man sich diese Bequemlichkeit aber erst verdienen: Für das Erfühlen der Pferdebewegungen sowie für das Gleichgewicht des Reiters ist das Reiten ohne Sattel für eine bestimmte Zeit absolut zu empfehlen. Deswegen rate ich jedem, der anfängt zu reiten: Tu es in den ersten Wochen und Monaten ohne Sattel!

 

Übrigens: Nicht erst die Indianerfilme propagierten die enge Verbindung zum Pferd und das Reiten ohne Sattel. Noch enger wars in der griechischen Mythologie. Dort verschmolz der Mensch tatsächlich mit dem Pferd und wurde zum lüsternen und unbeherrschten (Wikipedia weiß das!) Kentaur. Klingt gut, finde ich!

 

Uwe Weinzierl

Bin ich beim Reiten ohne Sattel versichert, wenn was passiert?

Diese Frage habe ich mir als Betreiber eines touristischen Reitbetriebs schon vor 20 Jahren stellen müssen und habe sie mir von meinen jeweiligen Versicherungen schriftlich bestätigen lassen.

In den ersten Jahren waren wir bei der Trowe-Versicherung in Frankfurt, die uns umstandslos bestätigt hat, dass wir unsere Gäste ohne Sattel, ohne Gebiss und sogar ohne Helm unterrichten dürfen.

Später sind wir zur Sparkassenversicherung gewechselt und auch die hat sich darauf festlegen lassen, weil eben das BGB für das Reiten im Unterschied zum Autofahren (Sicherheitsgurt) und zum Motorradfahren (Helmpflicht) keine zwingenden Vorschriften kennt.

 

Inzwischen habe ich meine Betriebshaftpflicht bei der Uelzener und habe von denen folgende Bestätigung:

 

Zu bei uns bestehenden Versicherungen teilen wir Ihnen mit:

Unsererseits werden keine Auflagen zum Schuhwerk, Zaum- und Sattelzeug gemacht werden.

Als Schuhwerk sollten Reitstiefel oder Stiefeletten mit Chaps oder Stiefelschäfte zur eigenen Sicherheit getragen werden. Wichtig ist die Besohlung der Schuhe (kein hoher Absatz, rutschhemmende Sohle).

Das Zaum- und Sattelzeug sollte in ordnungsgemäßem Zustand sein. Versicherungsschutz besteht bei uns auch, wenn ein Pferd ohne Gebissstück nur mit Strick geritten wird oder z. B. ohne Steigbügel/ohne Sattel. Alternative Zäumungen werden akzeptiert.

Das Tragen einer Reitkappe ist nicht zwingend vorgeschrieben. Stürzt allerdings ein Fremdreiter ohne Reitkappe vom Pferd und zieht sich eine Kopfverletzung zu, wird ein erhebliches Eigenverschulden zu berücksichtigen sein. Wenn ein Reitschüler sich weigert, eine Kappe zu tragen, empfehlen wir dem Reitlehrer, sich eine Bestätigung unterzeichnen zu lassen, dass der Reitschüler auf die Folgen hingewiesen wurde und auf eigene Gefahr handelt. Bei Minderjährigen ist die Unterschrift beider Elternteile erforderlich.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Dieter Plettenberg (Freitag, 06 Januar 2017 18:52)

    Hallo Uwe. Meine Einstellung zum ohne Sattel reiten wird durch diesen Bericht zu 100 % bestätigt .Das zeigt mir, dass ich mit meiner Einstellung dazu nicht so verkehrt liegen kann und du hast dieses noch wirklich gute Worte gefasst. Ich danke Dir ��
    Liebe Grüsse
    Didi

  • #2

    Valeska (Dienstag, 10 Januar 2017 13:04)

    Hallo Uwe,
    ein sehr schöner kleiner Artikel zu einem umstrittenen Thema. Ich reite am Liebsten ohne Sattel und meine auch, dass mein Pferd daran viel (mehr) Freude hat. Wie bei vielen Dingen, so kommt es auch hier auf die korrekte Anwendung an. Insgesamt bin ich aber auch der Meinung, dass man mit Sattel viel mehr falsch machen kann und viel gravierendere Schäden anrichten kann als ohne.

    Beste Grüße,

    Valeska